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Studierende der katholischen Theologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sind antijüdischen Stereotypen im Alltag auf die Spur gekommen. Die Ergebnisse haben sie zu sogenannten Bounds verarbeitet.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Bounds sind eine Art digitale Schnitzeljagd und vergleichbar mit dem besser bekannten Geocaching. Vier solcher Rallys haben Studierende in Würzburg entwickelt. In einem Seminar im Sommersemester 2021 haben sie sich mit antijüdischen Stereotypen zum Judentum auseinandergesetzt. Die untersuchten Vorurteile sind Namen, Formulierungen und Traditionen, die im Laufe der Zeit der Bibel entnommen und missbraucht worden sind. Entstanden sind die vier Themenfelder: 1) Du wirst zu einer jüdischen Beschneidung eingeladen... und jetzt?! 2) Auge um Auge? 3) Wer waren die Pharisäer? 4) Mahlzeit! Jüdische Speisegebote.</p><h3>Kooperation zwischen Uni und Diözese</h3><p>Alle Interessierten können die vier Bildungsrouten in der App Actionbound finden und spielen. Denn ein Ziel des Seminars war es, die wissenschaftlichen Ergebnisse für ein breites, nicht-fachliches Publikum zugänglich zu machen und so mit antijüdischen Vorurteilen aufzuräumen. Die einzelnen Bounds führen durch die Würzburger Innenstadt. Allerdings lassen sich die einzelnen Wegstrecken auch überspringen, sodass es sich bequem von zu Hause spielen lässt. Während des Spiels gibt es immer wieder kleine Rätsel zu lösen.</p><p>Verantwortlich für die Lehrveranstaltung war Prof. Dr. Barbara Schmitz, Inhaberin des Lehrstuhls für Altes Testament und Biblisch-Orientalische Sprachen in Kooperation mit Oliver Ripperger, Leiter der diözesanen AV-Medienzentrale, und Dr. Dietmar Kretz, Studienleiter der Akademie Domschule. Anlass sei das Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gewesen. „Wir haben uns die Frage gestellt, wie eine moderne Erinnerungskultur aussehen kann“, erklärt Barbara Schmitz die ungewöhnliche Form ihres Seminars. Dietmar Kretz ergänzt: „Oliver Ripperger und ich haben bereits einige Erfahrung mit solchen Bounds gemacht. Sie sind kein klassisches, aber ein gutes und vor allem nachhaltiges Bildungsformat.“</p><h3>Klischees und komplexe Technik</h3><p>Zunächst hätten sich alle Studierenden in Gruppen aufgeteilt, erzählt die Studentin und Teilnehmerin Lea Brenner. Jede Gruppe habe dann ein Klischee beleuchtet und die Ergebnisse im Plenum vorgestellt. Anschließend sei es direkt um die technische Umsetzung gegangen. Ihre Kommilitonin Susanne Bullin wirft ein, dass sie inhaltlich zu tief eingestiegen seien. Dadurch sei eine Fülle an Wissen entstanden, das zu komplex und zu umfangreich für solche Spiele gewesen sei. „Das ließ sich so alles gar nicht umsetzen.“ Umso wichtiger sei es gewesen, die Zielgruppe deutlich vor Augen zu haben und die Inhalte entsprechend zuzuschneiden. Es sei eine Herausforderung gewesen, das angeeignete Wissen so weiterzuverarbeiten, dass es prägnant und leicht verständlich sei.</p><p>Zusätzlich habe insbesondere die technische Umsetzung einige Nerven gekostet. „Manchmal musste ich Dinge dreimal hochladen, weil es nicht funktionierte“, merkt man Susanne Bullin den vergangenen Frust an. Mitstudent Markus Wissel ergänzt: „Die Einbettung in Actionbound war eigentlich gut machbar. Aufwändig war vor allem die Produktion.“</p><h3>Höhere Sensibilität für Antijudaismus</h3><p>Dennoch ziehen die drei Studierenden ein positives Gesamtfazit. Lea Brenner benennt vor allem die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik als lohnenswert. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung sei das praktische und technische Arbeiten eine positive Abwechslung gewesen. Das gebe es im universitären Kontext sonst eher selten, freut sich Markus Wissel. Eine höhere Sensibilität für antijüdische Stereotype nimmt Susanne Bullin wahr. „Es ist erschreckend schwierig, wirklich vorurteilsfrei zu kommunizieren.“ Lea Brenner vermutet, dass antijüdische Bilder häufig eher unbewusst genutzt würden. Aber gerade deshalb sei Aufklärung umso wichtiger.</p><p>Die Pharisäer zum Beispiel sind eine jüdische Gruppierung, die sich streng an die Gesetze der Tora hielten. Bereits innerhalb des Neuen Testamentes und insbesondere im Laufe der Zeit entstand das Bild der scheinheiligen Heuchler. Das negative Bild der Pharisäer diente dem entstehenden Christentum zur Abgrenzung. Das namensgleiche Kaffeegetränk mit Rum ist der Legende nach auf einer Tauffeier entstanden. Die Feiergesellschaft wollte trotz des strengen und abstinenten Pastors auf das Kind anstoßen. So wurde der Rum im Kaffee versteckt. Als der Pastor die List erkannte, soll er „Oh, ihr Pharisäer!“ ausgerufen haben. Somit ist also ein antijüdisches Bild die Grundlage des alkoholhaltigen Kaffeegetränks.<em></em></p><p class="text-right"><em>Alexandra Thätner</em></p><p><strong>Die App „Actionbound“</strong> bietet multimediale Erlebnistouren – sogenannte Bounds. Die findet man über eine Stichwort- oder Namenssuche, das Scannen eines QR-Codes oder die Suche nahegelegener Bounds in einer Karte. Jede Person mit einem Profil kann Bounds erstellen. Es entstehen interaktive Schnitzeljagden, Bildungsrouten oder Multimedia-Führungen. Die AV-Medienzentrale des Bistums hat bereits einige Bounds angelegt. Hier geht es zum Bound: „<a href="https://actionbound.com/bound/duwirstzueinerjuedischenbeschneidungeingeladenundjetzt" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Du wirst zu einer jüdischen Beschneidung eingeladen ... und jetzt?!</a>“</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-48960</guid><pubDate>Mon, 11 Oct 2021 16:19:17 +0200</pubDate><title>Den Würzburger Juden eng verbunden</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/den-wuerzburger-juden-eng-verbunden/</link><description>Zum 110. Gründungsjubiläum: Buch „Dem Leben dienen“ würdigt Engagement der Ritaschwestern für jüdische Menschen und Einrichtungen</description><content:encoded><![CDATA[<h1 style="margin-top:8px; margin-bottom:8px"></h1><p><strong>Würzburg </strong>(POW) Seit 110 Jahren besteht die Kongregation der Ritaschwestern. Dieses Jubiläum hat die Gemeinschaft am Donnerstag, 7. Oktober, im Mutterhaus im Würzburger Stadtteil Sanderau mit der Vorstellung eines besonderen Buchs begangen: Der Historiker Dr. Roland Flade hat im Auftrag der Schwestern erforscht, wie die katholischen Ordensfrauen die Geschichte der Würzburger Jüdinnen und Juden mitgeprägt haben. Mit Ausnahme einer dreieinhalbjährigen, von der Gestapo erzwungenen Pause&nbsp;arbeiteten Ritaschwestern in Würzburg von 1912 bis 1960 im jüdischen Krankenhaus und den jüdischen Altersheimen. Wie nachhaltig dieses Engagement war, verdeutlicht die Tatsache, dass der in Würzburg geborene israelische Dichter Jehuda Amichai Schwester Elisabeth Wenzel in seinem auch in den USA veröffentlichten Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“ zu einer Figur der Weltliteratur machte.</p><p>Generaloberin Schwester Rita-Maria Käß sprach im Festsaal des Mutterhauses vor Ritaschwestern auch aus Bad Königshofen, Luzern und den USA&nbsp;sowie Freunden der Gemeinschaft davon, dass die 110&nbsp;Jahre ihres Bestehens für die Ritaschwestern weniger ein Jubiläum, aber durchaus ein Grund zum Innehalten und Feiern seien. Das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ treffe mit diesem sinnigerweise zusammen. Käß erinnerte daran, dass bereits in der ersten Satzung der Ritaschwestern betont werde: „Wir gehen zu allen Menschen.“ Die Sendung der Gemeinschaft sei es, für die Menschen Gottes Liebe erfahrbar zu machen. „Wir blicken anerkennend, mit Dankbarkeit und Stolz auf die Schwestern, die mit jüdischen Menschen gearbeitet haben“, sagte die Generaloberin. Auch heute brauche es den Widerspruch aller Schwestern, wenn es Rassismus gebe. Das Lebenszeugnis der im Buch beschriebenen Schwestern könne helfen, Vorurteile abzubauen.</p><p>In einem „Werkstattbericht“ gab Flade einen Einblick in die Entstehung des von der Ritastiftung Luzern maßgeblich finanzierten Buchs „Dem Leben dienen. Die Ritaschwestern und die Würzburger Juden“. Grundlage sei ein von ihm anlässlich des 100. Jubiläums der Ritaschwestern verfasster Aufsatz gewesen, der die Zusammenarbeit der Gemeinschaft mit Juden thematisierte. Dank des sehr gut geführten Archivs der Ritaschwestern seien die Nachforschungen relativ einfach und die Quellenlage sehr gut gewesen. Als sehr glücklichen Zufall bezeichnete es Flade zudem, dass er bei ergänzenden Forschungen in den USA an dort aufgehobene Briefe, die Bewohner aus den Altersheimen an Verwandte geschrieben hatten, sowie an Fotomaterial gelangt sei.</p><p>Flade stellt in dem 150 Seiten umfassenden Buch unter anderem die Lebensgeschichten von Heinrich Klein, Verwalter des jüdischen Krankenhauses, Dr. Robert Sprinz, Arzt im jüdischen Krankenhaus, und Malchem Billigheimer, langjährige Bewohnerin des Pfründnerhauses, ausführlich vor. Er dokumentiert zudem Leben und Wirken von Schwester Elisabeth Wenzel. Durch ihre Arbeit im jüdischen Krankenhaus und den Altenheimen habe es niemanden gegeben, der sich besser mit dem jüdischen Leben ausgekannt habe als sie. „Sie war die letzte Ritaschwester, die 1942 den Dienst in den jüdischen Einrichtungen verließ, und die erste, die nach deren Rückkehr 1945 wieder Juden betreute“, betonte Flade.</p><p>Ordensreferent Domkapitular Monsignore Dietrich Seidel sagte, die insgesamt zehn Ritaschwestern, die in den jüdischen Einrichtungen der Stadt tätig waren, hätten durch ihr Wirken umgesetzt, wovon der heilige Augustinus spricht: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch.“ Er dankte für den Einsatz der Kongregation für ein friedvolles Miteinander der Gesellschaft bis in die Gegenwart. Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, war am Festtag verhindert. In seinem Grußwort, das verlesen wurde, dankte er der Gemeinschaft der Ritaschwestern für deren „unermüdliches und vielseitiges Engagement“.</p><p>Literarisch hat der Schriftsteller Amichai nach Flades Einschätzung den Ritaschwestern, speziell Schwester Elisabeth Wenzel, und ihrem Wirken für die Würzburger Juden mit einem Satz in der zentralen Stelle seines oben erwähnten Romans ein Denkmal gesetzt: „Die Augen der alten Elisabeth blickten mich liebevoll an.“</p><p>Das Buch ist im Eigenverlag der Ritaschwestern erschienen, nähere Informationen im Internet unter www.ritaschwestern.de.</p><p class="text-right"><em>mh (POW)</em></p><p>(4121/0993; E-Mail voraus)</p><p><em><strong>Hinweis für Redaktionen:</strong> Fotos abrufbar im Internet</em></p>]]></content:encoded><category>Berichte</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-48781</guid><pubDate>Thu, 23 Sep 2021 15:42:49 +0200</pubDate><title>Facetten des Judentums in Unterfranken</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/facetten-des-judentums-in-unterfranken/</link><description>Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ – Filmreihe, Akademieabend, Studientag und Ringvorlesung</description><content:encoded><![CDATA[<p><strong>Würzburg </strong>(POW) Eine Vielzahl von Veranstaltungen begleitet das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ in der Diözese Würzburg. In Zusammenarbeit mit der Domschule Würzburg werden unter anderem die Filmreihe „sichtbar – Jüdisches Leben in Deutschland“, ein Akademieabend und ein Studientag sowie eine Ringvorlesung über das Judentum angeboten.</p><p>Mit dem Stummfilm „Das alte Gesetz“ startet am Samstag, 2. Oktober, die Film- und Gesprächsreihe „sichtbar – Jüdisches Leben in Deutschland“. Der Film wird im Rahmen der „Nacht der offenen Kirchen“ um 19 Uhr im Würzburger Kiliansdom gezeigt und handelt vom Sohn eines orthodoxen Rabbiners, der sich fahrenden Theaterleuten anschließt und am Wiener Burgtheater eine Anstellung findet. Domorganist Professor Stefan Schmid begleitet die Vorführung an der Orgel. Weitere Filme in der Reihe sind die Komödien „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ (12. Oktober), „Die Blumen von gestern“ (25.&nbsp;Oktober), „Alles auf Zucker!“ (8. November) sowie die Kurzfilme „Masel tov Cocktail“ und „Durch den Vorhang“ (29. November). Diese Filme werden im Programmkino Central im Bürgerbräu gezeigt. Zu jedem Film gibt es eine Einführung und ein Gespräch mit den Initiatoren. Kartenreservierung beim Central im Bürgerbräu, Telefon 0931/78011057, Internet <a href="https://www.central-bb.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">https://www.central-bb.de/</a>.</p><p>Ein Akademieabend mit dem Titel „Antijüdische Vorurteile. Ihre Entstehung und Dynamik in der christlichen Tradition und Kunst“ wird am Donnerstag, 7. Oktober, von 18.30 bis 21 Uhr im Würzburger Burkardushaus angeboten. Der Abend setzt sich mit der Geschichte des religiös motivierten Antijudaismus insbesondere im Raum Unterfranken auseinander. Dabei steht die kunsthistorische Perspektive im Vordergrund. Referenten sind Dr. Gerhard Gronauer, Mitarbeiter des Projekts „Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern“, Dr. Wolfgang Schneider, stellvertretender Leiter der Abteilung Kunst der Diözese Würzburg, und Professor Dr. Wolfgang Weiß vom Lehrstuhl für Fränkische Kirchengeschichte an der Universität Würzburg. Weitere Informationen und Anmeldung bei der <a href="http://www.domschule-wuerzburg.de" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Domschule Würzburg</a>.</p><p>Unter der Überschrift „Judentum“ steht eine Ringvorlesung im Wintersemester 2021/2022 an der Universität Würzburg jeweils dienstags um 19.30 Uhr im Toscana-Saal der Würzburger Residenz. Bei der Auftaktveranstaltung am 26. Oktober spricht Professorin Dr. Elisa Klapheck (Paderborn) über „Jüdische Herausforderungen heute – Stärkung der Demokratie durch das Judentum“. Weitere Themen sind unter anderem „Jüdische Bildkultur und Buchgeschichte in Franken zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert“ oder „Jüdische Frauen von Hanna bis Johanna Stahl“. Eine Übersicht über alle Veranstaltungen gibt es auf der Webseite der <a href="http://www.domschule-wuerzburg.de" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Domschule Würzburg</a>.</p><p>„Antisemitismus gestern und heute“ lautet das Thema eines Studientags am Mittwoch, 17. November, von 9 bis 18 Uhr im Hörsaal 318 der Neuen Universität am Sanderring 2 in Würzburg. Die Veranstaltung wirft einen (theologischen) Blick auf Tradition, Glaube und Gesellschaft. Sie beginnt mit einem Vortrag zu „Die alten und neuen Gesichter des Antisemitismus – eine verdrängte Realität“ mit Volker Beck. Es folgen Workshops, in denen sich die Teilnehmenden mit unterschiedlichen Aspekten des Antisemitismus befassen. Zum Abschluss zeigt Julia Bernstein Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus im Bereich der Schule auf. Anmeldung mit Angabe von zwei Workshops bis Freitag, 29. Oktober, per E-Mail an <a href="mailto:studientag@uni-wuerzburg.de">studientag@uni-wuerzburg.de</a>. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der <a href="http://www.theologie.uni-wuerzburg.de" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Fakultät</a>.</p><p>Die Veranstaltungen sind als Präsenzveranstaltungen geplant. Abhängig vom Infektionsgeschehen sind Änderungen möglich.</p><p>Auf der Homepage <a href="https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/" target="_blank" class="external-link">„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</a> gibt es einen Überblick über die Veranstaltungen in der Diözese Würzburg und Hintergrundinformationen.</p><p>(3921/0916; E-Mail voraus)</p><p><em><strong>Hinweis für Redaktionen:</strong> Foto abrufbar im Internet</em></p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Berichte</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-48752</guid><pubDate>Tue, 21 Sep 2021 09:20:28 +0200</pubDate><title>„Weh euch, Schriftgelehrte und  Pharisäer ...“ (Mt 23,13)</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/weh-euch-schriftgelehrte-und-pharisaeer-mt-2313/</link><description>Das Motiv prägte für lange Zeit Predigten und so manche Religionsstunde: die jüdische Religion als negative und dunkle Kontrastfolie, auf der die christliche Botschaft leuchtend und positiv zum Vorschein kam. Das Judentum wurde als enge Gesetzesreligion dargestellt, das Christentum als Religion der Liebe und der Befreiung von Legalismus. Nicht ohne Überheblichkeit werden bisweilen immer noch im christlichen Religionsunterricht und in Predigten einseitige Beispiele erzählt, die das jüdische Gesetzesverständnis illustrieren sollen.
</description><content:encoded><![CDATA[<p>Das Verbot der Benutzung elektrischer Geräte oder des Autos am Sabbat, die strenge Beachtung von Speisevorschriften und Reinheitsgeboten erwecken den Eindruck, als gehe es in dieser Religion ziemlich kleinlich zu und als würden die Menschen von einer Unmenge von Vorschriften erdrückt.</p><p>Das mag damit zusammenhängen, dass der hebräische Ausdruck „Tora“ in der griechischen Übersetzung des Ersten Testaments mit dem Wort „nomos“ (Gesetz) wiedergegeben wurde, eigentlich aber weit mehr Bedeutungen aufweist. Neben „Gesetz“ meint Tora auch „Offenbarung“, „Lehre“ oder „Weisung“. Martin Buber und Franz Rosenzweig verstehen in ihrer deutschen Übersetzung der Hebräischen Bibel unter Tora vor allem Wegweisungen zum Leben und überschreiben die fünf Bücher Mose deshalb mit „die fünf Bücher der Weisung“ (Buber/ Rosenzweig 1987).</p><h3>Gelingendes Leben</h3><p>Die Verkürzung der Tora auf „Gesetz“ hat dazu geführt, dass die gesamte jüdische Religion einseitig dargestellt wurde. Dabei geht es im Judentum tatsächlich bei der Ausrichtung nach der Tora um ein gelingendes Leben. Gesetze und Vorschriften sind dabei kein starres Regelwerk, sondern entwickeln sich dynamisch weiter. Die Halacha, die mündliche Tradition im Judentum, meint die Fortschreibung der schriftlichen Tora in die jeweilige Gegenwart. Wörtlich übersetzt bedeutet Halacha „das Gehen“, „das Wandern“, „der Weg“.</p><p>Im jüdischen Gesetzesverständnis muss die aktuelle Auslegung der Tora immer dem Leben der Menschen dienen. Gesetze sind nicht um ihrer selbst willen zu befolgen. Die Tora ist nicht knechtendes Gesetz, sondern ständige Erinnerung an die Beziehung zu Gott, der das Leben der Menschen will.</p><p>Gegen dieses weite und lebensbejahende Selbstverständnis der jüdischen Religion mag nun eingewendet werden, dass die Evangelien voll sind von der Auseinandersetzung Jesu mit enger jüdischer Gesetzlichkeit. In den Wehrufen gegen die Pharisäer brandmarkt Jesus eine Gesetzlichkeit, die den Menschen „schwere und unerträgliche Lasten“ auf die Schultern lege (Mt 23,4). An anderer Stelle kritisiert Jesus Reinheits- und Speisevorschriften als veräußerlichte und oberflächliche Gesetzesfrömmigkeit (Mk 7,1–23). Immer wieder erzählen die Evangelien davon, Jesus habe am Sabbat geheilt (Mk 3,1–6) oder mit seinen Jüngern Ähren gepflückt (Mk 2,23–27) und dadurch bewusst die vorgeschriebene Sabbatruhe durchbrochen. In Mk 2,27 gipfelt diese Reihe kalkulierter Regelverstöße in dem Wort Jesu: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.“</p><h3>Sinn der Gesetze</h3><p>Gerade dieses Wort belegt jedoch, dass sich Jesus mit seiner Gesetzeskritik innerhalb einer breiten jüdischen Diskussion über die Auslegung der Tora bewegte. Ganz ähnlich lautet eine Aussage, die sich in der rabbinischen Literatur findet: „Euch wurde der Sabbat übergeben und nicht ihr wurdet dem Sabbat übergeben“ (bYoma 85b). Zielrichtung beider Worte ist die Frage nach dem eigentlichen Sinn der Gesetze. Sie müssen dem Leben der Menschen dienen und sind nicht um ihrer selbst willen zu befolgen. Die Gesetzeskritik Jesu ist also innerjüdisch verortet und setzt sich an keiner Stelle grundsätzlich über die Tora hinweg. In Mt 5,17–19 ist ein Jesuswort überliefert, das diese Haltung Jesu auf den Punkt bringt:</p><p>„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.“</p><h3>Jesus – ein gläubiger Jude</h3><p>Jesus von Nazaret war ein gläubiger Jude und er blieb es bis zu seinem Tod am Kreuz. Nichts deutet darauf hin, dass er eine neue Religion gründen oder das jüdische Gesetz abschaffen wollte. Historisch gesehen gehört Jesus mit seinem Gesetzesverständnis zu den Reformbewegungen innerhalb des Judentums, die um eine rechte Auslegung der Tora rangen.</p><p>Der christliche Antijudaismus mit seiner einseitigen Darstellung des Judentums als einer durch Gesetze und Vorschriften versklavten Religion begann allerdings schon in den Evangelien. In den Texten, die in einem Abstand von 40 bis 70 Jahren nach Jesu Tod verfasst wurden, lässt sich die Absicht erkennen, Jesus und das Judentum in einem Kontrast darzustellen. Die Pharisäer tauchen in den Evangelien immer wieder als die typischen Gegner Jesu auf, die scheinbar nichts anderes zu tun haben, als die peinliche Einhaltung von Gesetzesvorschriften zu überwachen. Historisch gesehen pflegte Jesus von Nazaret aber gerade zu dieser Gruppierung freundschaftliche Kontakte und stand auch theologisch den Pharisäern ausgesprochen nahe.</p><p>Die Pharisäer tauchen in den Evangelien irrtümlich vor allem deshalb als typische Widersacher Jesu auf, weil sie nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. und damit zur Entstehungszeit der Evangelien die einzig verbliebene jüdische Gruppierung waren, die noch weiterbestand. Sie waren für die neutestamentlichen Autoren die einzigen noch sichtbaren Repräsentanten des Judentums. Gegen sie richtet sich die ganze antijüdische Polemik der wachsenden Jesus-Bewegung. Die Evangelisten schrieben für Gemeinden, die sich längst in einem Ablösungsprozess vom Judentum befanden und mit den jüdischen Synagogengemeinden um potentielle neue Mitglieder konkurrierten.</p><h3>Unterschiede betont</h3><p>Die ausgeprägten antijüdischen Klänge in den Evangelien sind auf dieses Bedürfnis der Selbstbehauptung zurückzuführen. Die Jesus-Bewegung, die eine innerjüdische Reformbewegung gewesen war, entwickelte sich zur eigenen Religion und betonte das Unterscheidende zum Judentum. Nachdem Paulus durchgesetzt hatte, dass man Christ werden konnte, ohne der jüdischen Religion angehören zu müssen und damit den Weg zur sogenannten Heidenmission geöffnet hatte, konzentrierte sich die Auseinandersetzung mit der jüdischen Herkunftsreligion auf den Gesetzeskonflikt. Das Christentum warb um neue Mitglieder und stellte sich sozusagen als „Judentum light“ vor, als Religion, die die jüdische Ethik und den jüdischen Monotheismus bewahrte, der man aber ohne Beschneidung und ohne Beachtung der Reinheits- und Speisevorschriften angehören konnte.</p><p>Um heute das Verhältnis Jesu zum jüdischen Gesetz angemessen darzustellen, braucht es diese Kontextualisierung der Aussagen, die sich in den Evangelien zum Gesetz finden. Es braucht vor allem aber das Gespräch mit Jüdinnen und Juden unserer Zeit über den Stellenwert der Tora für ihr Leben, um endgültig Abschied zu nehmen von einem Zerrbild des Judentums als vermeintlich enger Gesetzesreligion. Wer sich auf diesen Weg begibt, wird die Tora als das wiederentdecken, was sie auch für Jesus von Nazaret war: Wegweisung zum Leben. &nbsp;&nbsp; &nbsp;</p><p class="text-right"><em>Der Autor Burkhard Hose ist Leiter der Katholischen Hochschul&shy;gemeinde Würzburg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg.</em></p><p class="text-right"></p><div><p><strong>Zum Festjahr&nbsp;„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</strong>&nbsp;veröffentlicht das&nbsp;<a href="https://www.sobla.de/" target="_blank" rel="noreferrer">Sonntagsblatt</a>&nbsp;unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte&nbsp;beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos&nbsp;zum Festjahr online unter „<a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" rel="noreferrer">2021jlid.de</a>“ und „<a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de</a>“.</p></div>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-48707</guid><pubDate>Tue, 14 Sep 2021 08:23:22 +0200</pubDate><title>Judentum in der Region</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/tiefe-wurzeln-in-der-region/</link><description>Dr. Rotraud Ries leitet seit rund zwölf Jahren das Würzburger Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken. Sie ist Expertin für das jüdische Leben in der Region. Die Historikerin und Judaistin beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der unterfränkischen Jüdinnen und Juden vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind aktuell die in der NS-Zeit vernichteten jüdischen Gemeinden und die Erforschung der Biographien der vertriebenen und ermordeten Jüdinnen und Juden. Das Sonntagsblatt hat die Fachfrau im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zur wechselvollen jüdischen Geschichte in der Region befragt.</description><content:encoded><![CDATA[<p><em>Frau Dr. Ries, wann beginnt die Geschichte des Judentums im heutigen Unterfranken?</em><br />Unterfranken, insbesondere Würzburg, ist eine Region, die recht tiefe jüdische Wurzeln hat. Auch wenn es nicht 1700 Jahre sind, kann Würzburg doch auf eine 900-jährige jüdische Geschichte zurückblicken und ist damit die zweitälteste jüdische Gemeinde in Bayern, nach Regensburg. Konkret wird es mit dem Zweiten Kreuzzug 1147. In dieser Zeit ist auch in Würzburg der jüdische Friedhof unter dem heutigen Juliusspital entstanden.</p><p><em>Und wer hat in der Zeit zur Gemeinde gehört? </em><br />Familienoberhäupter waren Kaufleute und Gelehrte. Die jüdische Gesellschaft war in dieser Zeit in Clans, also in Großfamilien, organisiert. Das waren große Haushalte mit Verwandten und Mitarbeitern. Gerade die bedeutenden Familien haben sich über verschiedene Orte verzweigt. Im Museum „Shalom Europa“ gibt es beispielsweise den Grabstein der Hanna, die aus einer verzweigten Gelehrtenfamilie stammt.</p><p><em>Wie hat sich die jüdische Präsenz in Unterfranken entwickelt?</em><br />Im 13. Jahrhundert hat sich das jüdische Siedlungsnetz insgesamt stark verdichtet. In Unterfranken reichte es damals von Aschaffenburg bis Ebern und von Bischofsheim bis Röttingen. Würzburg war zu dieser Zeit – anders als später – das Zentrum, der „Vorort“.</p><p>Ganz wichtig waren die Gemeindeinstitutionen, die man damals gehabt hat, besonders der Friedhof. Auf dem Würzburger Friedhof wurden damals Jüdinnen und Juden aus der weiteren Umgebung begraben. In Schweinfurt gab es auch einen Friedhof. Dieser Friedhof wurde bei der Vertreibung der Juden aus Schweinfurt im 16. Jahrhundert zerstört. Vor 1349, dem großen Pestpogrom, bei dem die jüdische Gemeinde in Würzburg vernichtet wurde, gab es im heutigen Unterfranken nur diese zwei Friedhöfe.</p><p><em>Gab es zu dieser Zeit schon jüdisches Leben auf dem Land?</em><br />Jüdische Siedlungen auf dem Land hat es in Unterfranken schon vor den großen Pogromen, antijüdischen Ausschreitungen – den Pogromen von 1298 und 1349 – gegeben. Die Abwanderung der Juden auf das Land verstärkt sich im 15. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert geht die sprunghafte Judenpolitik der Würzburger Fürstbischöfe weiter, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen zeitweilig die Ansiedlung von Juden in ihrem Territorium duldeten. Gleichzeitig kommen die Ritterschaften als Schutzherren der Juden stärker ins Spiel. Für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts kann man dann sehen, wie sich das jüdische Leben auf dem Land stärker entwickelt.</p><p><em>Können Sie uns Beispiele nennen? </em><br />In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstehen mehrere jüdische Friedhöfe auf dem Land: Bei Schwanfeld zwischen Würzburg und Schweinfurt, bei Kleinbardorf südöstlich von Bad Neustadt in der Rhön und am Untermain bei Reistenhausen auf der heutigen Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Diese gleichmäßig über Unterfranken verteilten Gebietsfriedhöfe, wo eine ganze Reihe von Gemeinden beerdigt hat, sind der Beleg dafür, dass dort jüdisches Leben existiert hat.</p><p><em>Und wie lange existiert das Landjudentum in Unterfranken weiter?</em><br />Letztlich bis 1933. Zu diesem Zeitpunkt existierten 109 Gemeinden in etwa 140 Siedlungen. Besonders wichtig waren die großen Gemeinden in Würzburg, Aschaffenburg, Schweinfurt, Bad Kissingen und Kitzingen. Dort standen seit dem 19. Jahrhundert auch die großen Synagogen, die – bis auf die Synagoge in Kitzingen – heute nicht mehr existieren. Leider steht auch die prächtige Synagoge in Heidingsfeld nicht mehr, die Ende des 18. Jahrhunderts gebaut wurde. Hier haben die Nationalsozialisten „ganze Arbeit geleistet“.</p><p><em>Und wann hat jüdisches Leben in den Städten Unterfrankens wieder begonnen?</em><br />Jüdisches Leben in den Städten beginnt zaghaft am Anfang des 19. Jahrhunderts. Zugelassen wurden beispielsweise vermögende Juden, wie die Familie Hirsch in Würzburg, von denen der Staat sich finanzielle Vorteile versprochen hat. Wirklich verbessert hat sich die Situation allerdings erst ab 1861. Vorher galt in Bayern die „Matrikelgesetzgebung“: Es gab für jeden Ort Listen, in denen verzeichnet war, wie viele jüdische Haushalte dort existieren durften. Ziel des Gesetzes war es ausdrücklich, die Zahl der Juden zu vermindern. Deswegen sind in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch viele Jüdinnen und Juden aus Unterfranken in die USA ausgewandert. Beispielsweise sind die Brüder Lehmann aus Rimpar nach New York emigriert, die Gründer der bekannten Bank „Lehman Brothers“.</p><p><em>Kann man in dieser Zeit eher von einem Neben- oder doch Miteinander von jüdischen und christlichen Unterfranken sprechen? </em><br />In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es gelegentlich zu gewaltsamen antisemitischen Ausschreitungen, wie dem „Hep-Hep“-Pogrom 1819 in Würzburg. Später gab es sicherlich einige Orte, wo Juden und Christen gemeinsam tätig waren, beispielsweise in der Feuerwehr oder in Vereinen wie dem Fußballverein und dem Schützenverein. Es waren nicht selten Lehrer, die dabei eine führende Rolle gespielt haben. Das Privatleben hat sich dann allerdings weitestgehend im jeweiligen jüdischen, katholischen und evangelischen Milieu abgespielt.</p><p><em>Wie haben sich die christlichen Unterfranken in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten?</em><br />Insgesamt war das Zusammenleben nicht so gefestigt, dass die Bevölkerung aufgestanden wäre, um ihre jüdischen Nachbarn zu schützen. Es gab punktuell Unterstützung für die Jüdinnen und Juden. Widerstandskämpferinnen – wie etwa die Würzburgerin Ilse Totzke, die versucht hat, einer Jüdin zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen – waren aber sehr selten. Generell war im katholischen Milieu die Distanz zum Nationalsozialismus ausgeprägter als im evangelischen Milieu. Die Kirchen haben sich primär um ihre eigene Klientel, wie etwa die getauften Juden, gekümmert. Für die Unterstützung der jüdischen Gemeinschaft haben sie sich nicht wirklich stark gemacht.</p><p><em>Und wie hat sich das jüdische Leben in Unterfranken nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt?</em><br />Danach sind wenige Überlebende zurückgekommen, die sofort das Gemeindeleben wieder aufgenommen haben. Eine wichtige Persönlichkeit war später der aus Brückenau stammende David Schuster. Er hat sofort erkannt, dass die Aufnahme der Kontingentflüchtlinge (aus der ehemaligen Sowjetunion, Anm. Red.) Anfang der 1990er Jahre neue Perspektiven für die jüdische Gemeinde in Würzburg und Unterfranken eröffnen würde.</p><p class="text-right"><em>Interview: Stefan W. Römmelt</em></p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-48958</guid><pubDate>Tue, 17 Aug 2021 08:00:00 +0200</pubDate><title>Stein für Stein</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/stein-fuer-stein/</link><description>Steine sind nicht immer bloß Steine. Mitunter haben sie eine interessante Geschichte. Ist die besonders spannend oder wichtig, landen Sandstein, Basalt, Kalkstein und Co. unter Umständen in einem Freilandmuseum, wo ihre Geschichte erzählt wird. Im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim gehen derzeit Steine aus der Diözese Würzburg durch die Hände der Bauleute. Sie gehören zur einstigen Synagoge aus Allersheim (Dekanat Ochsenfurt), die im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ Stein für Stein wiederaufgebaut wird – als erste Synagoge in einem süddeutschen Freilandmuseum.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Gebäude in Freilandmuseen machen Wissen – im wahrsten Sinne des Wortes – anschaulich. Im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim in Mittelfranken erkunden Besucher historische Gehöfte, eine Mühle, die Ziegelei oder Schule und viele andere Gebäude mehr. Mit der ehemaligen Synagoge aus Allersheim wird das Museum aktuell um ein Gebäude erweitert, das vor Augen führt, dass Jüdinnen und Juden Franken mitgeprägt haben.</p><p>Als wissenschaftlicher Volontär am mittelfränkischen Freilandmuseum hat sich der Judaist Jonas Blum näher mit der Allersheimer Synagoge auseinanergesetzt. Das wohl im 18. Jahrhundert errichtete Fachwerkhaus erfüllte als Gemeindezentrum mehrere Zwecke: Dort wohnte der Rabbiner, die örtlichen Juden trafen sich zum Gebet im Betsaal und besuchten die Mikwe, das jüdische Tauchbad zur rituellen Reinigung.</p><p>Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte rund ein Drittel der Allersheimer der jüdischen Gemeinde an, betete also in der Synagoge. Durch die Industrialisierung und die damit einhergehende Landflucht wanderten jedoch bis 1880 viele Juden ab – unter anderem in das gut 20 Kilometer entfernte Würzburg. Daher fanden in der Synagoge schließlich keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt. 1911 wurde sie an einen Allersheimer Bauern verkauft. Zuletzt sei das Gebäude dem Verfall preisgegeben gewesen, so Blum. Das Museum habe es übernommen, um die Synagoge als „Zeugnis jüdischen Lebens“ zu erhalten.</p><h3>Vom Keller bis zum Gewölbe</h3><p>Christliche Kirchen sind in Freilandmuseen hierzulande recht häufig anzutreffen. Zum mittelfränkischen Museum etwa zählt die evangelische Spitalkirche zum Heiligen Geist in der Bad Windsheimer Altstadt. Im Fränkischen Freilandmuseum in Fladungen in Unterfranken können Besucher die alte katholische Kirche aus Leutershausen (Dekanat Bad Neustadt) besichtigen. Die Allersheimer Synagoge ist hingegen, laut Museumsangaben, die erste Synagoge in einem süddeutschen Freilandmuseum. Sie ergänzt den Bestand und zeigt die Bedeutung jüdischen Lebens für die Geschichte und Kultur Frankens.</p><p>Bereits 2014/2015 war die baufällige Synagoge in Allersheim abgebaut worden. Im April vergangenen Jahres begann dann die Wiedererrichtung im Museum – Stein für Stein. Nach dem Keller mit der Mikwe wurde vor Kurzem das Erdgeschoss wiederaufgebaut. Jedoch sind nicht mehr alle Teile der Synagoge original. So sind die Fachwerkbauteile der östlichen und südlichen Außenwände rekonstruiert. Ein zentrales Element fehlt völlig: Der Betsaal der Allersheimer Synagoge existiere heute leider nicht mehr, berichtet Museumsleiter Dr. Herbert May. Dafür seien die Bretter der ehemaligen Holztonnendecke – wenn auch zersägt – noch vorhanden. Ein Glücksfall. Denn sie erlaubten Rückschlüsse auf die Farbigkeit des Gewölbes. 2022 können Besucher es selbst in Augenschein nehmen. Dann soll der Aufbau beendet sein und die Synagoge im Freilandmuseum eröffnet werden.</p><h3>Nachfahren der Allersheimer Juden</h3><p>Und was ist mit denen, die einstmals in der Synagoge beteten? Blum hat Informationen zur Geschichte der Allersheimer Juden gesammelt. Der Judaist ist ihren Biographien systematisch nachgegangen. „Nachfahren Allersheimer Juden leben heute auf der ganzen Welt. Persönlich habe ich Kontakt zu Nachkommen in den USA, Belgien, Israel, den Niederlanden und Deutschland. Ich weiß jedoch auch von Nachfahren, die in Jordanien leben.“</p><p>Laut Blum ist Dr. Emanuel Moses Friedlein einer der bedeutendsten Juden aus Allersheim. Er erblicke dort 1807 das Licht der Welt, lernte früh Hebräisch und Latein und studierte dann in Fürth, damals Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. 1850 wanderte Friedlein, der ein gefragter Hauslehrer war, nach New York aus. In den USA setze er sich unter anderem für die Rechte der Frauen ein. 1855 wurde er Ehrenmitglied der United Order True Sisters, eine der ersten unabhängigen Frauenorganisationen der USA, und engagierte sich bis zu seinem Tod 1897 zum Beispiel für die Bildung von Frauen.</p><h3>Zeugnis des Land Judentums</h3><p>Seit rund 900 Jahren leben Jüdinnen und Juden in Franken. Ihre Religion hat die Region mitgeprägt. Der Einzug der Allersheimer Synagoge in das Freilandmuseum Bad Winds-heim schließt eine Lücke. „Hier wird für die Besucher ein wichtiges Zeugnis des fränkischen Landjudentums erhalten“, lobt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, das Museumsprojekt. „Ganz konkret können sich die Menschen einen Eindruck verschaffen, wie Synagogen aussahen, die früher selbstverständlicher Bestandteil zahlreicher fränkischer Orte waren.“ Im Hinblick auf in der NS-Zeit zerstörte Syngogen fügt Schuster an: „Sie werden damit zugleich erfahren, was durch die Shoah verloren gegangen ist.“</p><p class="text-right"><em>Stefan W. Römmelt/hela (<a href="https://www.sobla.de/" target="_top" class="external-link">Sonntagsblatt</a>)</em></p><p><strong>Mehr zur Allersheimer Synagoge</strong> im Freilandmuseum Bad Windsheim im Internet unter: <a href="https://freilandmuseum.de/forschung/aktuelle-forschungsprojekte/synagoge-aus-allersheim" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">freilandmuseum.de/forschung/aktuelle-forschungsprojekte/synagoge-aus-allersheim</a>.</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-48404</guid><pubDate>Tue, 13 Jul 2021 10:02:00 +0200</pubDate><title>Eine Bibel – zwei Religionen</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/eine-bibel-zwei-religionen/</link><description>Christen hätten allen Grund, das Alte Testament als ehrwürdigen Ersttext zu begreifen. Doch oft setzen sie die hebräische Bibel in Kontrast zum Neuen Testament. Dabei ist das Christentum nur gemeinsam mit der jüdischen Glaubens- und Lebenswelt verstehbar. Das verdeutlicht der folgende Beitrag.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Die christliche Bibel besteht aus zwei Teilen: aus dem Alten Testament (im Original hebräisch) und dem Neuen Testament (im Original griechisch). Das Wort „Testament“ meint nicht „Vermächtnis“ („letzter Wille“), sondern „Bund“, „Bundesbuch“, weil in den heiligen Schriften vom Bund Gottes mit Israel und mit den Menschen die Rede ist.</p><h3>„Alt“ gegen „neu“</h3><p>Christen haben das Alte Testament lange Zeit als zweitrangig angesehen, als Vorstufe, dessen Gottesbild und Grundaussagen durch das Neue Testament überholt worden seien. In gewisser Weise geschieht dies immer noch, in Liedern, im katholischen Gottesdienst (bei der Lesung aus dem Alten Testament sitzt man, zum Evangelium steht man auf) und in religiösen oder theologischen Büchern, wenn zum Beispiel der christliche Glaube nicht im Zusammenhang mit der jüdischen Glaubens- und Lebenswelt dargestellt wird, in der er entstanden ist, sondern in Kontrast dazu.</p><p>Diskussion: Das Alte Testament haben die Christen weitgehend mit dem Judentum gemeinsam (bis auf einige zusätzliche Schriften und eine andere Reihenfolge der einzelnen Bücher). Im Judentum ist dafür der Ausdruck „Tanach“ gebräuchlich: eine Zusammensetzung der Anfangsbuchstaben der drei Hauptteile Tora (die sogenannten fünf Bücher Mose), Neviim (Prophetenbücher) und Chetubim (Schriften).</p><p>Dass Christen das Alte Testament nicht als ehrwürdigen Ersttext, sondern als Gegenstück zum Neuen Testament sehen lernten, geht in erster Linie auf den Einfluss von Markion (ca. 85–160 n. Chr.) zurück. Markion war zeitweilig Mitglied der christlichen Gemeinde in Rom und wollte als heilige Schrift der Christen anscheinend nur ein gekürztes Lukasevangelium, aus dem er sämtliche Bezüge auf das Alte Testament getilgt hatte, sowie einige Paulusbriefe gelten lassen. Markion war der Auffassung, das Alte Testament spreche von einem anderen, bösartigen Gott und habe nicht das ethische Niveau des Neuen Testaments mit seinem Gott der Liebe.</p><p>Zwar verurteilte die Christengemeinde in Rom Markions Abwertung der alttestamentlichen Schriften, dennoch blieb seine Verachtung des Jüdischen in der Kirche einflussreich – zumal Markion nicht der einzige mit dieser Einstellung war. Für viele Christen hatte das Alte Testament nur deshalb noch einen Wert, weil es manche Prophetenworte enthielt, die man auf Jesus von Nazaret beziehen konnte und in ihm „erfüllt“ sah.</p><p>Christen übersehen oft, dass das Alte Testament auch die Bibel Jesu war, aus der er lebte, die er zitierte und deren Psalmen er betete (ein Neues Testament gab es zu seiner Zeit noch gar nicht). Jesus lehrte, dass kein Häkchen an der Tora geändert werden dürfe (Mt 5,17f), dass sie aber ausgelegt und aktualisiert werden müsse. So dachten übrigens die meisten schriftkundigen Juden zur Zeit Jesu. Genauso Paulus: Er deutete Tod und Auferweckung Jesu mithilfe von Worten des Alten Testaments, beides war also „gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3f) geschehen. Auch die Botschaft, dass Jesus der Sohn Gottes war, war für Paulus „das Evangelium Gottes [...], das er durch seine Propheten vorher angekündigt hat in den heiligen Schriften“ (Röm 1,1f). Die Theologie von Paulus wäre ohne seine zahlreichen Bezugnahmen auf die jüdische Bibel undenkbar.</p><h3>Übersetzungen der Schrift</h3><p>Auch die anderen Autoren der neutestamentlichen Schriften waren Juden, und sie präsentierten ihre Gedanken als Auslegungen der jüdischen Bibel, des Alten Testaments. Für ihre Griechisch sprechenden Zuhörer oder Leser benutzten sie dabei griechische Übersetzungen der biblischen Texte, die seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. von Juden für Juden erarbeitet worden waren, als das Griechische zur Hauptsprache in der Region wurde. (...) Im Judentum kamen diese Übersetzungen später wieder außer Gebrauch, als das Hebräische zur allein verbindlichen Sprache der Offenbarung erklärt wurde (...). Auch dies führte zu unterschiedlichen Auslegungstraditionen.</p><p>Perspektiven: Manche Christen nennen das Alte Testament heute lieber „Erstes Testament“ oder „Hebräische Bibel“, um dem Eindruck entgegenzutreten, dieser Teil der Bibel sei veraltet. Sie wollen festhalten, dass für Christen beide Teile der Bibel heilige Schrift sind und dass der zweite Teil ohne den ersten Teil gar nicht richtig zu verstehen ist.</p><p>Das betont auch die Päpstliche Bibelkommission: In ihrem Dokument Das Jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel heißt es: „Die Schriften des Neuen Testaments geben sich an keiner Stelle als etwas grundlegend Neues aus. Sie erweisen sich vielmehr als tief in der langen Glaubenstradition Israels verwurzelt.“ (Nr. 3) Daher gilt: „Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament ein Buch, das nicht entschlüsselt werden kann, wie eine Pflanze ohne Wurzeln, die zum Austrocknen verurteilt ist. Das Neue Testament erkennt die göttliche Autorität der Heiligen Schrift des jüdischen Volkes an und stützt sich auf diese Autorität.“ (Nr. 84)</p><p class="text-right"><em>Aus: Paul Petzel/Norbert Reck (Hrsg.), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Verlag Patmos, Ostfildern 2017;&nbsp;eine aktualisierte Neuausgabe ist für 10 Euro erhältlich (ISBN 978-3-8436-1355-2).</em></p><p><strong>Zum Festjahr&nbsp;„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</strong>&nbsp;veröffentlicht das <a href="https://www.sobla.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Sonntagsblatt</a> unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte&nbsp;beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos&nbsp;zum Festjahr online unter „<a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">2021jlid.de</a>“ und „<a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de</a>“.</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-47900</guid><pubDate>Tue, 22 Jun 2021 09:12:00 +0200</pubDate><title>Ist Gott ein Gott der Rache?</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/ist-gott-ein-gott-der-rache/</link><description>Menschliche Gefühle prägen das biblische Geschehen. Da werden Kriege geführt, Gegner massakriert, Täuschungen angewandt. Zugleich begegnet uns selbstlose Liebe bis zur Hingabe des eigenen Lebens. Auf den ersten Blick finden sich die Liebeserweise vor allem im Neuen Testament, während das Alte Testament mit einer Fülle an Gewalt aufzuwarten scheint. Dass diese Wahrnehmung einseitig ist und zum Teil auf Fehldeutungen beruht, verdeutlicht dieser Beitrag.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Gleich vorneweg: Es gibt Gewalttexte im Alten Testament, die auch mich zumindest auf den ersten Blick fragen lassen, wie das bitteschön „Wort Gottes“ sein kann. Ich denke da zum Beispiel an die skandalöse Beinahe-Opferung Isaaks durch Abraham (Gen 22) oder so manche kriegerische Auseinandersetzung. Dazu kommt, wenn wir mit unserem heutigen Blick manche Textpassagen lesen oder hören und sie nicht einordnen können, empfinden wir sie als besonders anstößig. Auch im Neuen Testament jedoch finden sich Stellen, die mit Gewalt oder Rache in Verbindung stehen. Ich denke an das erklärungsbedürftige Jesuswort „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lk 12,49) oder jenes „Strafwunder“, bei dem ein nicht genügend spendebereites christliches Ehepaar von Petrus niedergestreckt wird und den Tod findet (Apg 5,1–11) – um nur zwei Beispiele zu nennen.</p><h3>In Verruf geraten</h3><p>Doch gehen wir zurück zum Alten Testament. Die genannten Texte und andere Erzählungen haben dazu geführt, dass bei vielen nachhaltig der Eindruck entstanden ist: Das Alte Testament ist eine religiöse Textsammlung mit viel „Mord und Totschlag“. Längst hat sich das „Auge für Auge“ (Ex 21,24) als angeblich typisches Beispiel für das Alte Testament verselbstständigt und ist zum Sprichwort für eine rachelüsterne Haltung geworden. Diese Texte sind aus ihrer Zeit heraus vielleicht noch irgendwie verständlich. Mit uns heute aber – so eine Ansicht – haben sie doch (hoffentlich) gar nichts zu tun. Vor allem sehen wir uns heute in den Vorstellungen über Gott weiterentwickelt.</p><p>Kirchlicherseits haben manche Predigten oder der Religionsunterricht in früheren Jahren diese Auffassung zusätzlich untermauert oder sind ihr zumindest nicht deutlich entgegengetreten. Die Folgen für die Einschätzung des Alten Testaments sind bis zum heutigen Tag jedoch immens, wenn sie nicht sogar nach wie vor in diese Richtung geprägt wird. In der katholischen Sonntagsliturgie wird leider häufig nur eine statt der zwei vorgesehenen Lesungen vor dem Evangelium ausgewählt. Diese ist dann gerne die neutestamentliche, was sicher nicht von ungefähr kommt. Dabei: In vielen Gemeinden hören die Mitfeiernden natürlich auch zwei Lesungen vor dem Evangelium – schön und wertvoll, wo „der Tisch des Wortes“ dadurch reicher gedeckt ist. Diese Praxis kann man nur gutheißen und auf eine immer stärkere Umsetzung hoffen.</p><h3>Gott mit zwei Gesichtern?</h3><p>Die Denke, die in der Bewertung des Alten Testaments eine Rolle spielt, geht jedenfalls häufig ungefähr so: Im Neuen Testament sei mit dem Auftreten Jesu im Unterschied zur alttestamentlichen Darstellung Gottes wahres Gesicht, seine Liebe endlich zum Vorschein gekommen. Daher müsse der Schwerpunkt auch auf den neutestamentlichen Texten liegen. Von einer pauschalen Textwahrnehmung her ist es nun ein vielleicht naheliegender Schritt, dass man die jüdische „Bibel“, die weitgehend dem Alten Testament entspricht, einseitig mit einem „jüdischen Gottesbild der Gewalt und Rache“ verbindet. Ihm stellt man das Neue Testament mit einem „christlichen Gottesbild der Liebe“ gegenüber. Dadurch zeigt sich offensichtlich ein antijüdischer Vorwurf. Das Judentum habe ein überkommenes Gottesbild, das vom Christentum qualitativ überboten worden sei. Zugegeben: Diese Zuspitzung mag etwas&nbsp;zu pointiert sein, zeigt gleichwohl eine Richtung an, die den meisten nicht ganz fremd sein dürfte.</p><p>Wie steht es also um Texte und Erzählungen des Alten Testaments, die Gewalt zum Thema machen? Braucht man nur die richtige Erklärung und „alles ist gut“ und heutige Leserinnen und Leser haben dann wieder ein „wohlgefälliges Wort Gottes“ vor sich? Natürlich geht es so nicht – und es soll wohl auch anders sein. Die Bibel, die Christinnen und Christen ganz bewusst als „Heilige Schrift“ bezeichnen, will gar nicht „wegerklärt“ werden: Sich an ihr zu reiben und auch die ganz großen Fragen aufkommen zu lassen, könnte ja beabsichtigt sein. Gleichzeitig kann einem manchmal durch eine Erklärung das eine oder andere Licht im Verständnis der Texte aufgehen.</p><h3>Kein Kult um die Gewalt</h3><p>Als Grundbotschaft rund um die Gewalttexte halte ich für wichtig, dass die Bibel Gewalt ernst nimmt, sie aber nie um ihrer selbst willen erzählt oder gar verherrlicht. Vielmehr ist gerade aus alttestamentlicher Sicht Gott derjenige, der Gewalt begrenzt und eindämmt und die Menschen zu einem friedlichen Weg motiviert oder selbst Frieden stiftet. Ein eindrückliches Beispiel dafür findet sich schon in den ersten Kapiteln des ersten Buches der Bibel, der Genesis. So erhält der Brudermörder Kain ein Zeichen von Gott, das ihn vor weiterer Verfolgung und Rache schützt (Gen 4,1–16):</p><p>Gewalt muss ein Ende haben, es darf keine Gewaltspirale geben. Mindestens genauso prominent ist einige Passagen später die Gewalt der großen Flut (Gen 7), mit der Gott zunächst sehr entschlossen auf die Boshaftigkeit des Menschen reagiert. Doch schließlich reut ihn seine Entscheidung und er schließt mit seiner guten Schöpfung einen neuen, immerwährenden Bund (Gen 9,1–17). Gott begrenzt nicht nur Gewalt, er wandelt sie in Frieden um. Wer sich also etwas näher mit einem Widerspruch provozierenden Text befasst oder die Zusammenhänge entdeckt, wird meistens Ansätze zur Einordnung oder Erklärung finden.</p><p>Gerne möchte ich an dieser Stelle etwas auf die Wendung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ eingehen, da die Beschäftigung mit ihr einige Überraschungen bietet. Diese bekannte Formulierung ist Teil des Bundesbuches, das die konkrete Umsetzung der Zehn Gebote für den Alltag der Menschen regelt.</p><h3>Kultur des alten Orients</h3><p>Das Bundesbuch gehört zu den älteren Texten des Alten Testaments und ist frühestens aus dem achten oder siebten Jahrhundert vor Christus. Den historischen Hintergrund bildet die im Alten Orient weithin übliche Blutrache, die wohl häufig in Selbstjustiz – also ohne ein Rechtsurteil – praktiziert wurde. Ganz im Gegensatz dazu geht es im biblischen Text (Ex 21,24) darum, sich an eine verbindliche und anerkannte Ordnung zu halten. Zentral ist für mich, dass die Gewalt unbedingt begrenzt ist: Es zählt nicht das Motto „Wie du mir, so ich dir!“, es ist eben kein Plädoyer für eine Gewaltspirale, wie dieser Abschnitt immer wieder verzerrt wird. Vielmehr braucht es für erlittenes Unrecht einen Ausgleich und es muss ein angemessener, es darf kein übertriebener Ausgleich sein. Damit steht insbesondere der Schutz von Schwächeren im Mittelpunkt, die sonst oftmals der Willkür von Herrschenden ausgesetzt sind.</p><p>Gelungen ist daher die Wiedergabe dieser Stelle auch in der aktuellen Einheitsübersetzung mit „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ (statt „Auge um Auge“), was ein zutreffenderes Verständnis ermöglicht. Es geht dabei nicht um die wörtliche Bedeutung, sondern um die Angemessenheit von Strafe oder Ausgleich bei einem Vergehen. Besonders interessant ist für mich, dass dieser Text – entgegen einer oft anzutreffenden Sichtweise – einen echten Fortschritt in der Rechtsgeschichte anzeigt, weil er die Gleichheit von Täter und Opfer vor dem Gesetz hochhält. Ob es ähnliche Überraschungen auch bei der Erkundung von anderen biblischen „Gewalttexten“ gibt?</p><p class="text-right"><em>Der Autor Stefan Heining ist Leiter der diözesanen Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral.</em></p><p><strong>Zum Festjahr&nbsp;„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</strong>&nbsp;veröffentlicht das <a href="https://www.sobla.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Sonntagsblatt</a> unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte&nbsp;beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos&nbsp;zum Festjahr online unter „<a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" rel="noreferrer">2021jlid.de</a>“ und „<a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de</a>“.</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-47704</guid><pubDate>Tue, 01 Jun 2021 08:11:00 +0200</pubDate><title>Den Bund mit Gott geschlossen</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/den-bund-mit-gott-geschlossen/</link><description>Was bedeutet es, dass sich das Volk Israel in der Bibel als von Gott erwählt sieht? Folgt daraus eine privilegierte Stellung aller Juden, die sie von anderen Menschen trennt? Die Erwählung Israels hat über die Jahrhunderte christliche Theologen beschäftigt – und wurde von ihnen oft in Konkurrenz zur christlichen Erwählung verstanden. Doch die Bücher des Alten Testaments sehen in der Erwählung nichts Trennendes. Das belegt der folgende Beitrag.</description><content:encoded><![CDATA[<p>„Denn ein heiliges Volk bist du dem Ewigen, deinem Gotte. Dich hat der Ewige, dein Gott, erwählet, ihm als Volk ein teures Eigentum zu sein, aus allen Völkern ein Sonderguts- Volk zu sein“ (Deuteronomium 7,6 nach der Übersetzung des Rabbiners und Philosophen Ludwig Philippson von 1844).</p><h3>Christliches Unverständnis</h3><p>Schon viele Kirchenväter meinten, die Erwählung Israels sei auf die Kirche übergegangen, nachdem Israel Jesus als Messias nicht anerkannt hatte. Moderne christliche Theologen warfen dem Judentum zudem vor, es pflege einen ethnischen Partikularismus, das heißt einen Glauben an die Sonderstellung des eigenen Volkes. Dieser Partikularismus sei aber mit dem Aufkommen des christlichen Universalismus erledigt gewesen.</p><p>Diskussion: Ein Erwählungsbegriff, der Heil und Erlösung nur auf eine erwählte Gruppe beschränkt (wie ihn die Kirche lange mit dem Satz „extra ecclesiam nulla salus“ – „außerhalb der Kirche kein Heil“ – vertreten hat), muss klar vom biblischen Verständnis unterschieden werden. In der Bibel findet man sowohl die Erwählung von Personen (...) als auch die Erwählung des Volkes Israel. Übersehen wird oft, dass auch Personen außerhalb Israels erwählt werden können, wie etwa der Perser Kyros (Jesaja 41,1–5. 25f), den Jesaja 45,1 sogar als Gottes Gesalbten (Messias) bezeichnet. Bekannter ist die Erwählung/Berufung des Mose in Exodus 3,1–20, aber auch schon die Verheißung an Abraham in Genesis 12,1–3, dessen Nachfahren zu einem großen Volk werden sollten. Mit eben jenem Volk schließt Gott einen Bund: Es soll ihm ein „Königreich von Priestern“ (Exodus 19,6) und „Eigentum“ (segulah) sein.</p><p>Wie im Buch Deuteronomium immer wieder eingeschärft wird (vergleiche Deuteronomium 7,7), hat Israel von sich aus nichts vorzuweisen, was die Erwählung begründet. Sie ist kein Verdienst und sie lässt sich auch nicht einfordern. Erwählung gründet nach Deuteronomium 7,8 vielmehr in Gottes Liebe sowie in seiner Treue zu den Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob. (...) Im Alten Testament beinhaltet Erwählung (...) aber auch den Auftrag an Israel, in der Partikularität, das heißt in der Herausgehobenheit, sichtbar zu machen, was es heißt, ein Leben im Angesicht Gottes zu führen, das heißt den aufrechten Gang (Levitikus 26,13) zu lernen, Freiheit und Gerechtigkeit zu praktizieren. Die Tora mit ihren grundlegenden Erzählungen, ethischen und kultischen Regeln ist die Urkunde von Bund und Erwählung. Sie greift indessen schon mit Schöpfung und Noach-Bund über Israel hinaus und unterstreicht so, dass Israels Erwählung kein Privileg gegenüber den anderen Völkern bedeutet, sondern eine Aufgabe stellvertretend für sie.</p><h3>Völker erwählt</h3><p>Aber auch andere Völker haben nach Jesaja 19,25 „ihre“ Erwählung und besondere Stellung vor Gott. So wird Gott Ägypten segnen und es „mein Volk“ nennen, und Assur, das immerhin einen brutalen Eroberungskrieg gegen das Nordreich Israel führte, ist „das Werk meiner Hände“. Schließlich werden auch die Völker, wie Jesaja 2,3 und Sacharja 8,20–22 versichern, zum Zion pilgern und ihre „Lehre“ erhalten. (...) Perspektiven: Reformjüdische Denker verbinden mit der Erwählung eine Art „Avantgardefunktion“ Israels beziehungsweise des Judentums. Diese Deutung schließt eine besondere Verpflichtung, jedoch keine privilegierte Stellung ein und tritt so christlichen Vorurteilen entgegen: Im Partikularen (besonderen Einzelfall) wird die universale (allgemeine) Bestimmung aller Menschen sichtbar.</p><p>Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erkennen die christlichen Kirchen daher die einzigartige Erwählung Israels und seine besondere Berufung durch Gott an, ohne die eigene Erwählung und Berufung zu negieren. Ein Urteil über das unbedingte Erwählungsbewusstsein der Anderen steht nur Gott zu.</p><p class="text-right"><em>Aus: Paul Petzel/Norbert Reck (Hrsg.), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Verlag Patmos, Ostfildern 2017;&nbsp;eine aktualisierte Neuausgabe ist für 10 Euro erhältlich (ISBN 978-3-8436-1355-2).</em></p><p><strong>Zum Festjahr&nbsp;„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</strong>&nbsp;veröffentlicht das <a href="https://www.sobla.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Sonntagsblatt</a> unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte&nbsp;beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos&nbsp;zum Festjahr online unter „<a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">2021jlid.de</a>“ und „<a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de</a>“.</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-48403</guid><pubDate>Tue, 04 May 2021 09:03:00 +0200</pubDate><title>„Damit sich die Schrift erfüllte“</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/damit-sich-die-schrift-erfuellte/</link><description>Eine meiner liebsten Oster-Erzählungen ist die Geschichte vom Gang nach Emmaus (Lk 24,13–35). Die beiden Jünger, die unterwegs Jesus begegnen, sagen, dass ihnen das Herz brannte, als Jesus mit ihnen redete und ihnen den Sinn der Schrift erklärte. Bald darauf lässt der Evangelist diesen auferstandenen Jesus sagen: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht“ (Lk 24,44).
</description><content:encoded><![CDATA[<p>Aber sprechen Mose und die Propheten wirklich von Jesus? Konnten sie wissen, wie der Wanderprediger aus Nazareth viele Jahrhunderte nach ihnen leben, leiden und sterben würde? Konnten sie vorhersagen, dass Gott ihn auferwecken würde aus dem Tod? Immer wieder greifen alle vier Evangelien zur Bibel, um begreiflich zu machen, was es mit diesem Jesus auf sich hat, oft mit der Formel: „So hat sich erfüllt, was in der Schrift geschrieben steht ...“</p><p>Das zeigt zuallererst: Die Jüngerinnen und Jünger, die nach Ostern von Jesus erzählten, und auch diejenigen, die diese Worte und Geschichten später aufschrieben, waren Menschen, die ihre Bibel in- und auswendig kannten. Sie lasen darin, hörten sie in den Gottesdiensten und verstanden sie als „Worte des lebendigen Gottes“. Was wir heute „Altes Testament“ nennen, war ihre Heilige Schrift – ein „Neues Testament“ gab es ja noch nicht, allenfalls war es gerade im Entstehen begriffen. Und genau dabei waren die alten Schriften ganz wichtig!</p><h3>Raum für Erfahrungen</h3><p>Zwei Menschen, die sich lieben, suchen nach Worten, wie sie sich das sagen können. Das ist gar nicht so leicht. Die Worte sollen ehrlich sein und persönliche Gefühle ausdrücken. Dafür eignen sich auch Liebeslieder oder Gedichte. Diese Zeilen sind zu einer anderen Zeit und für eine andere Person gedacht und geschrieben worden. Kann das trotzdem „meine“ Liebeserklärung sein? Manchmal ist das so. Dann stellt sich beim Lesen oder beim Hören das Gefühl ein: Ja, genau so ist es! Und vielleicht bringen die fremden Worte sogar genau auf den Punkt, wofür einem selbst die Worte fehlten. Zugleich lassen sie sich ganz neu begreifen, weil in ihnen jetzt eigene Erfahrungen „mitschwingen“.</p><p>Ganz ähnlich muss es den Jüngerinnen und Jüngern nach Ostern gegangen sein. Sie suchten nach Worten, um zu erzählen, wer dieser Jesus war und warum er so besonders war. Sie versuchten damit umzugehen, dass dieser Jesus grausam hingerichtet und ermordet worden war. Und sie rangen um Worte, um zu sagen, dass sie ihn trotzdem als den Lebendigen erfahren hatten, weil Gott ihn nicht im Tod gelassen hatte. Das sind alles Erfahrungen, die mindestens so schwer auszudrücken sind wie ein Liebesbekenntnis. Und manchmal können wir im Neuen Testament noch Spuren dieses Ringens um Worte finden.</p><p>Eine Spur ist das prophetische Bild des Friedenskönigs, der auf einem Esel geritten kommt (Sach 9,9). Hier fanden die Jüngerinnen und Jünger ihre Erfahrungen mit Jesus wieder: ein Gerechter und ein Helfer, arm und trotzdem königlich. Natürlich war ihnen dabei auch schon bewusst, dass der Prophet Sacharja einen anderen Friedens-König vor Augen gehabt hatte. Aber „die Schrift wächst mit den Lesenden“ (Papst Gregor der Große): Jede Zeit, jede Leserin und jeder Leser nimmt die Worte anders wahr, liest mit der Schrift die eigene Lebenserfahrung und Gotteserfahrung und bringt beides miteinander in Einklang.</p><h3>Einen Sinn finden</h3><p>In den Passionserzählungen verdichten sich die biblischen Zitate; allein im Johannes-Evangelium werden viermal Stellen aus der Schrift mit der Formel verbunden: „Damit sich die Schrift erfüllte ...“ Nachvollziehbar wird das, wenn ich mir die Erfahrungen vor Augen halte, die die Jüngerinnen und Jünger gemacht hatten: Wie sollten sie mit der traumatischen Erfahrung umgehen, dass Jesus, verhaftet und verurteilt, einen grausamen Tod gestorben war? Sprach die Hinrichtung wie ein Verbrecher nicht gegen alle Ansprüche, dass dieser Jesus ein König gewesen sei, der Gesalbte Gottes? Wie soll man das begreifen? Wie kann man darin einen Sinn finden?</p><p>Auch hier hören die Evangelisten aufmerksam auf die Worte der Heiligen Schrift. Sie entdecken dort das Schicksal von Jesus wieder – und sie finden Deutungen dafür. Zum Beispiel, wenn beim Propheten Jesaja im „Lied vom Gottesknecht“ von jemandem die Rede ist, der buchstäblich zum Prügelknaben für andere wird: „Ein Mann voller Schmerzen“. Doch dieses Leiden ist nicht vergeblich; es kommt aus tiefer Solidarität mit den Mitmenschen: „Aber er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen ... durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,3–5).</p><p>Das eröffnet für sie – und für uns heute – einen Deutungshorizont auch für das Schicksal von Jesus: Sein Tod war nicht sinnlos. Er hat ihn auf sich genommen, damit wir leben können. Das ist mit dem Verstand nicht zu begreifen – aber mit dem Lied des Propheten Jesaja öffnet sich vielleicht die Tür des Verstehens einen Spalt weit.</p><h3>„Gemäß der Schrift“</h3><p>Und gerade die unglaubliche Geschichte vom Messias, der den Verbrechertod stirbt und von Gott wieder zum Leben auferweckt wird, gewinnt aus dieser Verwobenheit mit der Heiligen Schrift Autorität: Das alles findet sich doch schon in der Bibel! Die Propheten haben es so erlebt, Jona hat es in die tiefsten Tiefen geschleudert, die Beterinnen und Beter der Psalmen haben ihre Verlassenheit Gott ins Gesicht geschrien. Wie ein roter Faden zieht sich das durch die Schrift. Jesus liegt ganz auf dieser Linie. Aber nicht nur mit seinem Sterben – auch in seinem Leben sehen die Jüngerinnen und Jünger Verbindungen zu ihrer Heiligen Schrift. War es nicht wie bei Mose am Sinai, als Jesus die Bergpredigt hielt und die Gebote neu erklärte? War es nicht wie beim Propheten Elija, als so viele Menschen satt wurden und noch Brot im Überfluss da war? Gerade in der Zeit, in der das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus – dem Gesalbten Gottes – zum Konflikt innerhalb der jüdischen Gemeinden führt, wird es besonders wichtig, diesen roten Faden herauszuarbeiten: Jesus steht nicht im Widerspruch zur Schrift, im Gegenteil. In ihm „erfüllt sich“ die Schrift!</p><h3>Erfüllt und abgehakt?</h3><p>Wiederum ist hier die Leserichtung wichtig. Liest man die Bibel von vorn nach hinten, so sprechen die Geschichten, Lieder und Gebete erst einmal für sich, in ihrem Kontext, in ihrer Zeit. Aber wer das Jesus-Zeugnis des Neuen Testaments kennt, liest dieselben Geschichten noch einmal neu: Sie werden für die, die an ihn glauben, durchscheinend auf Jesus hin.</p><p>Von Jesus her lesen wir Christinnen und Christen die Bibel anders. Sie bleibt aber zugleich immer die Heilige Schrift der jüdischen Glaubensgemeinschaft, die sie anders liest. Für Jüdinnen und Juden erfüllt sich die Schrift eben nicht in Jesus von Nazareth – und auch wir Christinnen und Christen müssen ja zugeben: Viele der biblischen Verheißungen stehen noch aus! Schwerter zu Pflugscharen, kein Hunger und keine Gewalt mehr, und alle Tränen getrocknet – das steht noch aus. Aber „erfüllt“ heißt ja nicht „erledigt“ oder „abgehakt“. Das griechische Wort bedeutet eher: „zum Ziel gekommen“.</p><p>Das ist es, was die Evangelisten von Jesus glauben: In ihm hat Gott noch einmal und endgültig sein Wort gegeben. Die Jesus-Geschichten des Neuen Testaments sind „Spiegelgeschichten für heute“ (Wilhelm Bruners). In ihnen spiegelt sich die ganze Gotteserfahrung des ersten Teils der Bibel. In ihnen spiegelt sich aber auch unsere Lebens- und Glaubenserfahrung, bis sie zu unseren Geschichten werden. Immer wieder aufs Neue!</p><p class="text-right"><em>Die Autorin Ursula Silber ist Rektorin des Martinushauses Aschaffenburg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg.</em></p><p><strong>Zum Festjahr&nbsp;„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“</strong>&nbsp;veröffentlicht das <a href="https://www.sobla.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Sonntagsblatt</a> unter dem Titel „Jüdisch – christlich – geschwisterlich“ Artikel in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Bibelpastoral in der Diözese Würzburg. Die Texte&nbsp;beleuchten antijüdische Klischees oder Vorurteile aus biblischer Sicht, um Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Mehr Infos&nbsp;zum Festjahr online unter „<a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" rel="noreferrer">2021jlid.de</a>“ und „<a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de</a>“.</p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-47258</guid><pubDate>Tue, 20 Apr 2021 08:31:00 +0200</pubDate><title>Ein stetiges Hin und Her</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/ein-stetiges-hin-und-her/</link><description>Professor Michael Brenner (57) gehört zu den wichtigsten Historikern in Deutschland. Der Experte für Jüdische Geschichte und Kultur hat seit 1997 den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München inne, seit 2013 zudem den Seymour and Lillian Abensohn Chair für Israelstudien an der American University in Washington D.C. Das Sonntagsblatt hat ihn im Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Juden in Deutschland, Bayern und Franken befragt.</description><content:encoded><![CDATA[<p><em>Herr Professor Brenner, ist das Festjahr „1700 jüdisches Leben in Deutschland“ für Sie ein Jubiläum?</em></p><p>Michael Brenner: Es ist eine Gelegenheit, um über die jahrtausendelange jüdische Präsenz in dem Gebiet, das heute Deutschland ist, nachzudenken. Feiern ist eine schwierige Sache. Da ist einfach zu viel passiert, um zu sagen: „Wir feiern das, wie man einen Geburtstag feiert.“</p><p><em>Wann lässt sich jüdisches Leben in Deutschland und in Bayern erstmals wirklich nachweisen?</em></p><p>Richtig los geht es im 10. Jahrhundert im Rheinland und auch schon auf dem Gebiet des heutigen Bayern. Wir wissen zumindest seit dem 10. Jahrhundert von einer jüdischen Präsenz in Regensburg und etwas später, um 1100, wohl auch in Würzburg, wahrscheinlich Flüchtlinge aus dem Rheinland.</p><p><em>Was hat die jüdische Präsenz in Bayern und in Deutschland geprägt?</em></p><p>Es ist ein ständiges Hin und Her von Zugehörigkeit auf der einen und Zurückweisung auf der anderen Seite. Und trotz aller Gewalt,Vertreibung und Zurückweisung gab es auch Epochen, in denen jüdisches Leben sich konsolidierte, in denen Zentren jüdischer Gelehrsamkeit entstanden, in denen jüdische Familien über viele Generationen an einem Ort bleiben konnten und lokal und regional dazugehörten.</p><p><em>Gegen Ende des Mittelalters wurden ja die Juden unter anderem aus dem Herzogtum Bayern vertrieben.</em></p><p>Diese Austreibungen aus dem Herzogtum Bayern und anderen Territorien haben dazu geführt, dass in Polen eine große jüdische Gemeinde entstanden ist. Aber nicht alle Juden sind nach Polen geflohen. Viele sind dann einfach in die benachbarten Territorien gegangen. Und so sind in Franken und Schwaben (die erst später zu Bayern kamen, Anm. d. Red.) bedeutende Gemeinden entstanden, die bedeutendste in Fürth.</p><p><em>Warum ausgerechnet in Fürth?</em></p><p>Weil es in Fürth drei Ortsherrschaften gab: den Bamberger Dompropst, die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und die Reichsstadt Nürnberg. In Fürth existierte auch eine hebräische Druckerei und eine wichtige Jeschiwa, eine Talmudschule, die Schüler aus ganz Europa angezogen hat. Dort ist der Schriftsteller Jakob Wassermann geboren, (…) der über die fränkischen Juden in seinem Buch „Die Juden von Zirndorf“ geschrieben hat. Aus Fürth stammt auch der frühere US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger.</p><p><em>Wann hat sich die Situation der Juden in Bayern grundsätzlich zum besseren geändert?</em></p><p>Im 19. Jahrhundert. Der langsame Prozess der Emanzipation und Gleichberechtigung der Juden war mit der Reichsgründung (des Deutschen Reichs, Anm. d. Red.) 1870/1871 abgeschlossen. In Bayern durften sich Juden aber in einzelnen Städten, beispielsweise in Nürnberg, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansiedeln. Denn in Bayern gab es zwar 1813 schon das Judenedikt, das den Juden bestimmte Rechte eingeräumt hat, die sie vorher nicht hatten, aber eine Gleichberechtigung war das noch nicht. Zum Beispiel durfte sich an einem Ort nur eine maximale Anzahl von Juden ansiedeln. (…) Aufgrund dieser Beschränkungen sind sehr viele Juden nach Amerika ausgewandert.</p><p><em>Trotz der anfänglichen Diskriminierung haben sich die Juden schließlich doch mit dem neuen bayerischen Staat identifiziert.</em></p><p>Sie waren Teil dieser Kultur, des Wirtschaftslebens, der Literatur, der Kunst, des Sports, der Tracht. Ein Beispiel: Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts hat das (jüdische, Anm. d. Red.) Münchner Trachtenhaus Wallach mehr als alle anderen die bayerische Tracht populär gemacht. Oder im Brauwesen: Auch der Löwenbräu hat einer jüdischen Familie gehört.</p><p><em>Und was passierte nach 1918?</em></p><p>Nach dem 1. Weltkrieg wurde aus dem eher liberalen München des Kaiserreichs die Hauptstadt der Reaktion (antidemokratische Bewegung, Anm. d. Red.), der völkischen Bewegung und dann natürlich der NSDAP.</p><p><em>Womit hängt dieser gesellschaftliche Wandel zusammen?</em></p><p>1918 hat Kurt Eisner den „Freistaat Bayern“ gegründet und war auch dessen erster Ministerpräsident, der nach wenigen Monaten ermordet wurde. Viele Juden waren an der Gründung der Räterepublik beteiligt. Mit Gustav von Kahr, der in den ersten Wochen seiner Amtszeit (als bayerischer Ministerpräsident, Anm. d. Red.) Ostjuden aus Bayern ausgewiesen hat, begann dann die Zeit der politischen Reaktion. In München gab es bereits in den 1920er Jahren richtige Straßengewalt gegen jüdische Bürger der Stadt. Man suchte nach Sündenböcken für den verlorenen Krieg. Die Juden, obwohl sie genauso wie die anderen Deutschen gekämpft hatten und gefallen waren, wurden mit den Sozialisten dazu gemacht.</p><p><em>Und wie haben sich die Kirchen zum wachsenden Antisemitismus verhalten?</em></p><p>Es gab immer wieder vereinzelt Pfarrer am unteren Ende der kirchlichen Hierarchie, die sich 1933 gegen den Antisemitismus und die Judenverfolgung ausgesprochen haben. Manche haben die Unterstützung des Münchner Kardinals Faulhaber erbeten. Und diese ist ausgeblieben. Das muss man ganz eindeutig sagen. Faulhaber hat sich nie für die Juden, auch wenn sie öffentlich verfolgt wurden, eingesetzt. Auch wenn er 1933 die „Adventspredigten“ für das Alte Testament gehalten hat: Nichts davon hat die Juden seiner Gegenwart betroffen. Er hat die Juden der Bibel verteidigt, aber nicht die Juden des Jahres 1933, denen die Fensterscheiben eingeworfen oder die nach Dachau gebracht wurden. Auf protestantischer Seite gab es die „Deutschen Christen“, die versucht haben, Jesus zu „arisieren“. (...) Beide Kirchen wären wahrscheinlich die einzigen Autoritäten gewesen, die 1933 moralisch gegen die Judenverfolgung im Deutschen Reich eingreifen hätten können.</p><p><em>Warum haben sie das nicht getan?</em></p><p>Da war sicher auch Angst um die eigene Kirche dabei. Zum Anderen spielte dabei auch ein langer Antijudaismus in den Kirchen eine Rolle.</p><p><em>Und wie ging es nach der NS-Zeit weiter?</em></p><p>Nach 1945 wurde Bayern, vor allem Südbayern, aber auch Franken, noch einmal zu einem Zentrum jüdischen Lebens, unter anderem auch deswegen, weil in Bayern zwei der zuletzt befreiten Konzentrationslager, Dachau und Flossenbürg, liegen. 90 Prozent der jüdischen Gemeinden nach 1945 bestanden aus jüdischen Holocaust-Überlebenden aus Polen. Die meisten Gemeinden in Bayern waren sehr klein (…) und stark überaltert.</p><p><em>Wann hat sich das geändert?</em></p><p>Ab 1990 kam mit den Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion wieder Leben in diese Gemeinden. Das jüdische Leben hat sich in Bayern etabliert. In Bamberg, München und Regensburg wurden neue Synagogen gebaut. Trotzdem haben wir in den letzten Jahren zunehmend das Gefühl, dass jüdisches Leben bedroht ist. Der Anschlag in Halle 2019 war ja ein Anzeichen dafür. Es gab aber schon 1980 in Erlangen einen Mord an dem jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seiner nichtjüdischen Lebensgefährtin Frida Poeschke, der von der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging. 2003 hatten Neonazis einen Bombenanschlag bei der Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindezentrums in München geplant, der aber vereitelt wurde. Der Antisemitismus war und ist leider historisch ein Teil jüdischen Lebens – auch nach dem Holocaust.</p><p><em>Worauf freuen Sie sich trotzdem, wenn Sie an das Festjahr 2021 denken?</em></p><p>Ich freue mich auf die Vielfältigkeit dieser langen Geschichte. Man sollte noch stärker realisieren, wie lange Juden zu Deutschland gehören. Wahrscheinlich gab es in Deutschland schon Juden, bevor es die Christianisierung Germaniens gab. Wenn man das realisiert, kommt man zu der Erkenntnis, dass die Juden nicht „die Anderen“ sind, sondern Deutschland genauso (…) mitgeprägt haben und mitprägen.</p><p class="text-right"><em>Interview: Stefan W. Römmelt (Würzburger katholisches Sonntagsblatt)</em></p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-47133</guid><pubDate>Wed, 07 Apr 2021 10:44:30 +0200</pubDate><title>Jüdisches Leben in seiner Vielfalt sichtbar machen</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/juedisches-leben-in-seiner-vielfalt-sichtbar-machen/</link><description>Ein breites Bündnis unter anderem aus Jüdischer Gemeinde, Kirchen, der Universität Würzburg und dem Bezirk will alte Vorurteile auflösen – Erster urkundlicher Nachweis jüdischen Lebens vor 1700 Jahren als Anlass</description><content:encoded><![CDATA[<p><strong>Würzburg </strong>(POW) Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen in Unterfranken machen im laufenden Jahr unter anderem die Jüdische Gemeinde Würzburg, katholische und evangelische Kirche, der Regierungsbezirk Unterfranken und die Julius-Maximilians-Universität Würzburg auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland aufmerksam. „Der historische Anlass ist eine Urkunde vom 11.&nbsp;Dezember 321. Darin erlässt der römische Kaiser Konstantin ein Gesetz, in dem festgelegt ist, dass Juden in der Stadtverwaltung von Köln städtische Ämter bekleiden dürfen“, sagt Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Er ist katholischer Vorsitzender des Vereins „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken“. Damit handelte es sich um den Nachweis, dass bereits in der Spätantike auf dem heutigen Bundesgebiet eine jüdische Gemeinde existiert hat. Dieses eigentlich lokale Ereignis sei der Anlass für eine deutlich größere Aktion, die darauf abziele, jüdisches Leben in seiner Bedeutung sichtbar zu machen.</p><p>„Der aktuell wieder spürbare, in der deutschen Gesellschaft um sich greifende Antisemitismus ist aber sicher auch ein Hintergrund. Ihn gilt es anzugehen. Wir wollen daher jüdisches Leben in seiner Vielfalt sichtbar machen“, erklärt Hose. Nur wenige Menschen würden Jüdinnen und Juden kennen. „Das Bild über sie ist oft geprägt von antisemitischen Klischees und der Erinnerung an die Schoah.“ Deswegen ziele die gesamte Aktion zum 1700. Jubiläum jüdischen Lebens in Deutschland darauf, ein Kennenlernen zu ermöglichen, bei dem das Alltägliche und die Nachbarschaft in den Blick genommen werden, um so alte Stereotypen und Vorurteile aufzulösen.</p><p>Corona und die damit verbundenen Schutzvorschriften haben nach Hoses Worten auch bei den Planungen für Unterfranken so einiges durcheinandergewirbelt. „Viele Programmpunkte mussten wir auf den Herbst verlagern, viele Vorträge beispielsweise wird es ausschließlich in digitaler Form geben.“ Von vornherein im Internet angesiedelt sei die bundesweite, ökumenisch verantwortete Kampagne „#beziehungsweise – jüdisch und christlich: näher als du denkst“. Sie möchte dazu anregen, die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum wahrzunehmen. Auch und gerade im Blick auf die Feste wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. Mit dem Stichwort „beziehungsweise“ soll zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ der Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis in ihrer vielfältigen Ausprägung gelenkt werden.</p><p>Als ein regionales Highlight bezeichnet Hose die für das Wintersemester 2021/22 geplante Ringvorlesung an der Universität Würzburg, die insgesamt zwölf Vorträge umfasst. Unter anderem referiert in der Reihe Professor Dr. Daniel Krochmalnik, Professor für Jüdische Religion und Philosophie an der School of Jewish Theology der Universität Potsdam, über „Moses Mendelssohn oder der Anfang des Deutschjudentums“. Professorin Dr. Astrid Lembke, Inhaberin der Professur für Jiddische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Wien, spricht über jiddisch-deutsche Literaturbeziehungen im 16.&nbsp;Jahrhundert.</p><p>Im Würzburger katholischen Sonntagsblatt ist außerdem eine Artikelserie vorgesehen, die beleuchtet, wo heute noch in der Auslegung der Bibel Stereotype über Juden zu finden sind. „Ich denke da an die Darstellung des Judentums im Johannesevangelium, an die Pharisäer als Gegner Jesu oder auch den Gegensatz zwischen dem vermeintlich gesetzesverhafteten Judentum und dem Christentum als Religion der Freiheit“, erklärt Hose. So schreibt unter anderem Pastoralreferent Dr. Stefan Heining, stellvertretender Leiter der Abteilung „Fortbildung und Begleitung“ des Bistums Würzburg, über „Auge um Auge – ein Gott der Rache im Alten Testament? Schluss mit oberflächlichen Deutungen!“. Diese Bereiche seien sicher auch Gegenstand eines Studientags, an dem die katholisch-theologische Fakultät das Judentum aus verschiedenen Perspektiven in den Blick nehmen wird, erklärt Hose.</p><p>Eine kompakte Internetseite mit einem Überblick über alle Angebote zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ für Unterfranken ist nach Hoses Worten gerade im Entstehen. Dort gibt es dann auch nähere Informationen zu einem „Actionbound“, einer interaktiven Schnitzeljagd zum Thema mit Hilfe einer Handy-App.</p><p>„Für mich wäre ein wichtiges Ergebnis, dass wir das jüdische Leben als heutigen Bestandteil unseres alltäglichen Lebens wahrnehmen, und zwar als Menschen wie du und ich, und dass wir unser Bild nicht nur beschränken auf Schoah und Antisemitismus.“ Das seien, sagt Hose, sicher ganz wichtige Bestandteile der Beziehung, aber wenn man das Judentum heute darauf beschränke, förderte man den Antisemitismus. „Am besten wäre es, wenn am Ende des Jahres mehr Menschen die Frage mit Ja beantworten könnten, ob sie einen Juden oder eine Jüdin kennen. Die erste und beste Anlaufstelle ist in meinen Augen das Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum <a href="http://www.shalomeuropa.de" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Shalom Europa</a>.“ Nähere Informationen zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ im Internet unter <a href="https://2021jlid.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">https://2021jlid.de/</a> sowie unter <a href="https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/</a>.</p><p class="text-right"><em>mh (POW)</em></p><p>(1421/0349; E-Mail voraus)</p><p><em><strong>Hinweis für Redaktionen: </strong>Fotos abrufbar im Internet</em></p>]]></content:encoded><category>Berichte</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-44191</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2020 21:26:08 +0200</pubDate><title>Mehr miteinander statt übereinander sprechen</title><link>https://2021jlid.bistum-wuerzburg.de/aktuelles/na-detail/ansicht/mehr-miteinander-statt-uebereinander-sprechen/</link><description>Vorstand des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Würzburg trifft sich mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland</description><content:encoded><![CDATA[<p>Würzburg (POW) Es hätte kaum einen passenderen Zeitpunkt für dieses Treffen geben können als den Tag, an dem Bundesinnenminister Horst Seehofer den Bericht des Bundesverfassungsschutzes 2019 in Berlin vorstellte und bekräftigte, dass der Bereich des Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus „die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland“ sei. Ein wichtiges Augenmerk des Austauschs des Vorstands des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Würzburg mit Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken, lag daher genau auf diesem Bereich. „Der Bericht zeigt alarmierende Zeichen auf. Ein wichtiger Anlass für das Gespräch ist für uns der Blick auf das zunehmende Erstarken des Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland gewesen. Zudem müssen wir feststellen, dass wir oftmals herzlich wenig voneinander wissen und eher nebeneinander her als miteinander leben“, sagte Diözesanratsvorsitzender Dr. Michael Wolf.</p><p>Aus Sicht von Schuster ist es wichtig, dass die Religionsgemeinschaften ihre gemeinsamen Werte voranstellen und nicht das, was sie trennt. Erstaunt zeigte er sich, wie viel Unwissenheit es in der Gesellschaft allgemein gegenüber der Entstehung des Christentums, aber auch darüber gibt, welche Gemeinsamkeiten Juden und Christen haben. „Beim Glauben an den Herrn im Himmel sind wir uns einig“, betonte Schuster. Verschwörungsmythen und Propaganda hätten dann keine Chance, wenn man sich besser kennenlerne und miteinander ins Gespräch komme.</p><p>Schuster zeigte sich froh darüber, dass es in Würzburg für Juden ohne Probleme möglich sei, ihren Glauben zu leben. „Aber das ist nicht überall so selbstverständlich.“ Allerdings sieht er Nachholbedarf bei der Thematisierung des Judentums im Schulunterricht und vor allem bei Schulmaterialien, in denen zum Teil Stereotypen von Juden abgebildet und dargestellt seien, die „an der Wirklichkeit der Juden in unserer Region vorbeigehen“.</p><p>Mit einem Blick zurück kam man auf das reichhaltige jüdische Leben in Unterfranken zu sprechen, welches es vor dem Zweiten Weltkrieg mit mehr als 100 Synagogen gab. Die Menschen in der Region hätten friedlich zusammengelebt, ehe die Ideologie der Nationalsozialisten immer mehr Einzug hielt. Verwundert zeigte sich der Vorstand des Diözesanrates darüber, wie die überwunden geglaubten extremistischen und antisemitischen Ansichten nun immer weiter erstarken. Auch durch die Corona-Pandemie sehe man die Gefahr, dass diese Tendenz weiter zunehmen könne.</p><p>Ein weiterer Teil des Gesprächs befasste sich mit den Auswirkungen von Corona. Einig zeigte man sich darüber, dass dies eine schwierige Zeit für alle Religionen sei. Beispielsweise war es nicht möglich, Gemeinschaft und Gottesdienste wie gewohnt leben und feiern zu können. Die Gottesdienstverbote hätten alle schwer getroffen, allerdings „steht für uns als Juden die Erhaltung des Lebens über allen religiösen Geboten. Daher ist die Entscheidung nachvollziehbar und absolut berechtigt gewesen“, bekräftigte Schuster.</p><p>Als Fazit des gemeinsamen Austauschs erklärten beide Seiten, es sei wichtig, mehr miteinander als übereinander zu reden. „Leider nimmt Religion heutzutage einen anderen Stellenwert ein und ist zum Teil aus dem Blick des alltäglichen Lebens entschwunden. Das ist insofern schade, als dass somit das Verständnis füreinander noch stärker aus dem Blick gerät“, sagte Diözesanratsvorsitzender Wolf. Den Austausch wolle man über dieses Treffen hinaus fortsetzen. Einigkeit herrschte auch darüber, dass eine Begegnung auf Augenhöhe wichtig sei.</p><p>(3020/0763; E-Mail voraus)</p><p>Hinweis für Redaktionen: Foto abrufbar im Internet</p>]]></content:encoded><category>Berichte</category></item></channel></rss>